Der fliegende Holländer

Vorstellungen / Termine
Der fliegende Holländer

ZusatzAngebote

Der fliegende Holländer

Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner

Aufführungsdauer: 2 Stunden 15 Minuten
Keine Pause.

Samstag, 16. Dezember / 19:30 Uhr
Normalpreis: 16,00 bis 38,50 Euro
Großes Haus | theaterhagen
    Elberfelder Straße 65, 58095 Hagen

Beschreibung

»Ist’s Täuschung?
Wahrheit?
Ist es Tat?«

Inspiration für Atmosphäre und einzelne Motive der Seefahrer-Oper lieferte eine eigene, stürmische Seereise des Komponisten von Riga nach London, zu der ihn 1839 seine Flucht vor Gläubigern zwang. Die gesamte Oper aber sei, so erklärte Wagner später, aus der Ballade der Senta hervorgegangen: Sie ist die Keimzelle. Auch musikalisch bildet sie ein motivisches Zentrum, das in das ganze Werk ausstrahlt.

Alle sieben Jahre, so erzählt die Legende vom Fliegenden Holländer, geht der zur Ruhelosigkeit verdammte Seemann an Land auf der Suche nach der Liebe und Treue einer Frau. Nur diese könnten ihn erlösen. Als Daland seiner Tochter Senta einen fremden Seefahrer vorstellt, ist sie gebannt von dessen dunkler Anziehungskraft. Niemand anderem als dem fliegenden Holländer steht sie gegenüber. Senta will ihm folgen und entscheidet sich gegen einen bürgerlich sicheren Weg mit ihrem Verehrer Erik. Wird das für den Holländer die Erlösung sein? Welchen Preis hat Senta dafür zu zahlen?

In dieser frühen, romantischen Oper erreicht Wagner bereits eine starke Einheit von Szene und Musik, die ihn später zur Ausprägung seines »Musikdramas« führen wird. Ihrer klanglichen und atmosphärischen Dichte kann man sich schwerlich entziehen.

Die Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship setzten als Regie-Duo ihre erfolgreiche Zusammenarbeit fort und nahmen für Hagen den Mythos von ewiger Liebe und der Forderung nach ewiger Treue genauer unter die Lupe. In archaischen Bildern erzählen sie mit dem Fliegenden Holländer eine Geschichte von den Schattenseiten der Gesellschaft, in der die Angst vor dem Fremden und der eigenen dunklen Seite umgeht wie ein Gespenst.

Beverly und Rebecca Blankenship im Interview mit Dramaturgin Corinna Jarosch

Die Gesellschaft spielt eine wichtige Rolle in dieser Oper. Was ist das für eine Welt?

Beverly: Wir erzählen die Geschichte von einer Gemeinschaft, die arm ist. Das Notwendigste ist erarbeitet, die Menschen hungern nicht, aber sie sind nicht gesund, sie sind nicht glücklich, sie sind gefangen im ewigen Kreislauf von Arbeit und erloschenen Träumen.

Rebecca: Diese Gesellschaft lebt mit den Naturgewalten, vor allem mit dem Wasser, vom Wasser, am Wasser, im Wasser – übrigens wortwörtlich auch in unserem Bühnenbild!

Beverly: Die Männer sind Seeleute, meistens weit weg und arbeiten. Die Frauen bleiben als »Weiße Witwen« im Dorf zurück. Sie warten, altern und ziehen Kinder auf…

Rebecca: Wer ein bisschen mehr hat, wie etwa der Kapitän, ist ein Außenseiter. Daland und seine Tochter Senta haben diese Sonderstellung. Das bringt ihnen auch Missgunst ein, Neid.

Beverly: Und Neid und Missgunst können sehr weit gehen. Wir sind in der Vorbereitung auf diese Inszenierung darauf gestoßen, dass eine Gemeinschaft von Fischerdörfern im hohen Norden Norwegens jahrzehntelang Frauen und Männer aus ihrer Nachbarschaft als Hexen verbrannt hat. Auslöser für eine Verurteilung waren oft Streitigkeiten um den ohnehin geringen Besitz, um Geld. Man muss sich das vorstellen: Eine winzige Gruppe von Menschen hat Hunderte ihrer Mitglieder in die Flammen gestoßen! Innerhalbeiner solchen Gemeinschaft müssen ja ungeheure Spannungen und Ängste zugange sein!– Das hat uns interessiert: Was diese Angst mit den Menschen macht.

Rebecca: Es ist ja nicht nur die Angst vor der Welt da draußen, die ja in den Naturgewalten sehr feindlich entgegenkommt, sondern auch die Angst vor sich selbst. Das Böse ist für die Gemeinschaft real. Die Hölle, das Böse, ist viel realer als jegliche, etwas verschwommene, höhere Macht. Der Himmel ist weit weg, die Hölle ganz real. Und das Böse, oder wer böse ist, muss sterben. Dann ist eine Zeitlang alles in Ordnung, bis das Böse wieder hochkocht und wieder entfernt werden muss.

Beverly: Es muss Opfer geben, um die Angst zu beruhigen. Wir opfern unsere Nächsten, auch heute noch. Ob wir wirklich töten oder jemanden aus einer Gruppe ausstoßen, ob wir mobben oder lynchen, ob wir eine Einzelperson als Opfer auserkoren haben oder eine andere Gruppe: Wir töten umsonst, denn die Angst kommt immer wieder…

Dann ist sozusagen »die Frist um« wie beim Fliegenden Holländer, der alle sieben Jahre an Land geht?

Beverly: Genau darum geht es: Der Holländer IST das innerste Fürchten und Sehnen der Gemeinschaft. Er ist geboren aus der Gemeinschaft der Seeleute.

Rebecca: Er ist die Ausgeburt ihrer bösen Träume, aber auch ihrer Wünsche. Der Holländer braucht die tödlichen Naturgewalten nicht zu fürchten, den Sturm, die Wellen, den Abgrund, die Klippen: des Seemanns Tod. – Aber nicht des Holländers Tod... Unflätig und lachend segelt er dem Tod davon. Und weil das nicht sein darf, muss er verflucht sein. Verdammt zu Todessehnsucht, zu Einsamkeit.

… Außer er findet eine Frau, die ihn erlöst!

Beverly: Diese Idee ist nicht schlecht! Manchmal können wir Menschen einander erlösen. Aber: Warum muss es eine TREUE Frau sein? Die erhoffte Treue der Frauen als erstrebenswertes Gut hat es in alle Religionen der Welt, in die Philosophie und Kunst geschafft. Warum? Weil alle Religionen der Welt, die Philosophie und Kunst von Männern dominiert werden?

Rebecca: Was sagen die Matrosen? – Die Frau muss schwanger sein, bevor man in See sticht. Die Sehnsucht der Männer nach der Treue der Frauen hat handfeste biologische Gründe …

Beverly: Und die Komplizenschaft der Frauen kommt dazu. Woher bloß? Die Treue der Frauen, ist sie der Wahnsinn der Männer?

Senta ist ja inmitten dieses Wahnsinns. Fällt sie ihm zum Opfer?

Rebecca: In gewisser Weise. Senta stirbt am Traum von der großen, einzigen Liebe bis in den Tod. Mit ihr träumen die anderen Frauen von der großen Liebe, die so anders als die recht banale Realität ihrer Leben sein soll. Dieser Mythos ist stärker als jede gelebte Realität. Diesem Mythos kann man sein kleines Erdenglück opfern, um speziell sein zu können, auf Frauenart besser als alle anderen sein…

Beverly: Noch keine Frau hat es geschafft, so treu zu sein, dass der Holländer erlöst werden konnte. Hunderte Frauen sind an diesem Traum krepiert. Der Holländer, mit hunderten Frauenleichen im Schlepptau… Wieso darf dieser Frauenmörder von einer Frau bedingungslose Liebe einfordern?

Rebecca: Der von Satan Verwunschene – die dunkle Seite zieht sie an. Senta will Magie und Freiheit und auf dem Schiff des Holländers davon segeln in die weite Welt… Zum Schluss scheint es keinen Ausweg mehr zu geben: Der drohende Vater, der Besitzanspruch erhebende Erik, der fliehende Holländer – sie sieht in keiner Richtung ein ertragenswertes Leben… sie war zu rebellisch, zu anders und muss das büßen.

 Es gibt also keine Erlösung?

Beverly: Die Toten ruhen nicht, sie leben weiter in den Ängsten und dunklen Träumen, …

Rebecca: …in der Figur des Holländers.

Beverly: Wir erzählen unsere Geschichte über die Gemeinschaft. Sie sind wir, in unseren dunkelsten Momenten und in unseren normalsten. Sie machen ja weiter, leben, haben Kinder, erzählen sich Geschichten…

Besetzung | Sa 16.12.2017 / 19:30 Uhr

Auf einen Blick

Theater- und Konzertkasse:
02331/207-3218